1997

Tunesien 4

Tunesiens Süden - nicht nur Wüsteneinsamkeit!


1997 bin ich zum zweiten Mal mit meinen beiden Söhnen Arne (diesmal 19 Jahre) und Terje (16 Jahre) auf Fahrradtour in Tunesien gewesen. In diesem Jahr wollten wir zum ersten Mal ins militärische Sperrgebiet Südtunesiens. Der folgende Bericht soll einen kleinen Eindruck von dieser 14 tägigen Reise vermitteln.

Als wir unseren Flieger am 26. März kurz vor 11 Uhr auf dem Flughafen von Houmt Souk, der Hauptstadt Djerbas, verlassen, spüren wir eine angenehme Wärme. Die Sonne strahlt vom azurblauen Himmel, es weht ein frischer Wind aus nördlicher Richtung. Beim Abflug in Hamburg war es bitterkalt, jetzt sind kaum 3 Stunden vergangen und wir sind mitten im Frühling. Unsere Fahrräder, die wir bereits am Vorabend auf dem Hamburger Flughafen aufgegeben hatten (das Einchecken am Vorabend ist mittlerweile auf vielen Flughäfen bei Fernreisen möglich), sind heil angekommen. Wir hatten sie in große Pappen (von Fernsehern, Kühlschränken etc.) eingepackt, um empfindliche Teile wie Brems- und Schaltgriffe und das Schaltwerk zu schützen. Jetzt heißt es, auspacken, Reifen wieder aufpumpen, Lenker gerade stellen, Sattelhöhe einstellen, Gepäck zum erstenmal komplett aufladen und Pass- und Zollkontrolle hinter uns bringen. Die Fahrräder werden handschriftlich im Pass eingetragen. Beim Rückflug wird kontrolliert, ob man sie auch wieder ausführt. Im Flughafengebäude noch schnell etwas Geld wechseln, das geht hier zu jeder Zeit dank eines Wechselautomaten, der sämtliche gängigen Währungen tauschen kann. Für 100 DM bekommen wir ca. 65 Tunesische Dinar, TuD abgekürzt.

Nach etwa einer Stunde starten wir Richtung Melitta, einem kleinen Ort zwischen dem Flughafen und Houmt Souk. An einem der ersten kleinen Läden, die die Ausmaße einer Garage haben, oft auch mit Garagentoren abends verschlossen werden, füllen wir unsere Fahrradflaschen mit Mineralwasser aus 1,5 Liter Plastikflaschen, die es im ganzen Land, auch in noch so kleinen Orten zu kaufen gibt. In Melitta biegen wir rechts ab nach Ajim, das auch als "Bac de Jerba" auf den Straßenschildern auftaucht. Es ist ein geschäftiger kleiner Ort mit Hafen und Fähranleger. Wir radeln an der langen Autoschlange vorbei, direkt auf die Fähre, die uns in wenigen Minuten aufs Festland schafft. Ein leichter Rückenwind bringt uns schnell voran, die Klimaumstellung macht uns kaum etwas aus.

Vor zwei Jahren fuhr ich mit meinen beiden Kindern, die damals 14 und 17 waren, diese Strecke am Ende unserer Tour in umgekehrter Richtung. Damals hatten wir Gegenwind und die Strecke von Medenine nach Djerba kam uns quälend lang vor. Heute nehmen wir uns Zeit und besuchen die alte Römersiedlung Ghitis am Golfe de Bou Grara. In ihrem Zentrum stehen die Reste einer Tempelanlage, von der man einen schönen Blick über den weiten, breiten Strand hat.
Gegen 17.00 Uhr kommen wir in Medenine an, einer recht modernen Stadt mit ca. 18000 Einwohnern und Gouvernoratssitz (so etwas wie eine Kreishauptstadt). Man kann hier in einer Art Jugendherberge übernachten, dem M.J.C. (Maison de Jeunesse et de la Culture), für 4 TuD pro Person und Nacht. Wenn man von Jorf kommt, liegt dieses Haus ca. 2 KM vor dem Zentrum auf der rechten Seite (Rue de Palmiers). Wegen Bauarbeiten im Haus verzichten darauf, hier zu übernachten und gehen in eines der billigen einheimischen Hotels, die es in jeder Stadt gibt, und die nicht viele teurer sind. Im El Hana, gegenüber der Markthalle und den Souks (Avenue Bourgiba) kostet die Übernachtung 5 TuD pro Person, wobei man allerdings keinen Komfort erwarten darf. Wir nehmen ein Zimmer mit Dusche, was aber nicht empfehlenswert ist, da es aus dem Abfluß übel riecht. Wie in den anderen billigen Hotels auch, sind die sanitären Anlagen ziemlich heruntergekommen. Dafür können wir unsere Fahrräder im Hof abstellen. Auch wenn wir immer wieder skeptisch sind bleibt festzustellen, dass in alle den Jahren dabei noch nie etwas abhanden gekommen ist.
Medenine bietet relativ wenig. Eine der letzten alten Ghorfa-Anlagen, die es hier früher zuhauf gegeben hat, ist erhalten worden und bildet den Kern eines Touristenzentrums. Bus- und Jeepladungen mit Touristen, vorwiegend aus den Badeorten Djerbas, ergießen sich Tag für Tag in diese Anlage. Wir ziehen es vor, am andern Tag den Markt in der Medina (Altstadt) aufzusuchen. Noch vor 10 Jahres standen hier viele der alten Ghorfas, heute ist davon kaum noch etwas übrig. Neben einigen kleineren neuen Häusern, die häufig noch unfertig erscheinen, gibt es eine Unmenge fliegender Stände, notdürftig zusammengezimmert. Wie auf allen Märkten Tunesiens herrscht hier zu bestimmten Zeiten, vor allem vormittags, ein wildes Leben. Arabische Musik plärrt laut aus unzähligen Kassettenrecordern, Gerüche von Gewürzen und Gebäck vermischt sich mit dem Geruch von Motorenöl aus den Mofa- und Autowerkstätten. Fahrzeuge aller Art schieben sich durch das dichte Markgedränge. Arabische Sprachfetzen umschwirren uns
Wir fahren bald weiter nach Tataouine. Die 50 KM auf der Hauptstraße sind schnell hinter uns gebracht. Der Verkehr ist noch erträglich, da werden wir noch andere Dinge erleben.

Tataouine ist Gouvernoratssitz für das gesamte südliche Tunesien. Hier bekommt man die Fahrerlaubnis für die Pisten des militärischen Sperrgebietes südlich von Remada und Ksar Ghilane. Ohne diese permission kommt man in dieses Gebiet nicht hinein. Einen Antrag kann man bereits in Deutschland stellen, für uns als Fahrradfahrer reichte auch die Antragstellung direkt vor Ort. Das Büro des Gouverneurs befindet sich beim Sitz des Bürgermeisters in einem Neubaugebiet 5 KM vor Tatouine aus Richtung Medenine kommend. (Mittlerweile bekommt die permission in Tataouine im Touristenbüro, siehe Beschreibung unserer Fahrt 2000). Wir hatten unsere Erlaubnis nach einer Stunde (auf Arabisch). Bei Antragstellung ist auch die geplante Route anzugeben, wobei wir aber nicht den Eindruck hatten, dass dies bei den späteren Kontrollen von Bedeutung war.

Wir haben uns dann für ein Hotel in der Innenstadt direkt am Markt entschieden, das Belmaharem. Wir haben schon schlechtere Häuser gesehen, auch in Tataouine (z.B. das Ennour). Der Preis ist 5 TuD ohne Frühstück, dafür gibt es aber die Möglichkeit, eine Küche, in der auch unsere Fahrräder untergebracht werden, zum Kochen zu benutzen. Am frühen Abend sind viele Leute, natürlich nur Männer, in der "Bar" des Hotels. Meist trinken sie nur einen Tee, knabbern geröstete Sonnenblumenkerne. Viele warten auch nur darauf, telefonieren zu können, denn das Hotel verfügt über ein Taxiphone, eine Telefonzelle, von der aus Ferngespräche per Münzeinwurf geführt werden können - auch ins Ausland. Ein 2-Minutengespräch nach Deutschland kostet ca. 1 TuD.

Abends wird es dann empfindlich kühl, wobei ein teilweise böiger Wind dafür sorgt, dass man ohne Jacke und Pullover schnell friert. Wir essen im Restaurant La Medina, wobei die Bezeichnung Restaurant nicht bedeutet, dass man hier tafeln kann, wie in den Touristenzentren. Es gibt selbstverständlich keine alkoholischen Getränke, keine herumwuselnden Kellner, ein sparsames Ambiente , eine Speisekarte, die wenige Gerichte aufweist. Schorba ist eine Suppe, scharf und empfehlenswert, Couscous mit Hähnchenfleisch und Kichererbsen macht satt, ohne Gaumen und Augen allzu sehr zu verwöhnen, Poulet ist ein Hähnchenviertel mit einigen Fritten und zwei Salatblättern. Erfreulich ist nur, dass die Preise entsprechend sind. Für meine beiden Söhne und mich kostet das komplette Abendmenue mit Suppe, Hauptgericht und einigen Flaschen Cola sowie Mineralwasser und Brot 10 TuD, dass sind gerade 16 DM.

Im Gegensatz zu Marokko wird man hier von den Einheimischen in Ruhe gelassen. Wenn man jemanden anspricht, wird einem freundlich geantwortet. Im Gewirr der Innenstädte wird man, wenn man nach dem Weg fragt auch schon mal ein Stück begleitet. Einzig die Kinder können zur Plage werden, wenn sie schon von weitem rufen "Donnez moi un stylo! Donnez moi d'argent". In einigen Orten folgten auf das Ignorieren dieser Forderungen Steinwürfe. Waren Erwachsene in der Nähe, unterbanden sie diesen Unfug sofort und energisch, wollte oder konnte uns niemand helfen, haben wir auch schon mal allein gehandelt. Oft reicht es, mit dem Fahrrad zu drehen, auf die Jugendlichen zuzufahren und ihnen unmissverständlich zu drohen.

Tataouine ist für uns der Ausgangsort für Fahrten in den tunesischen Süden. Von hier aus kann man auf relativ leichten Etappen die Bergoasen des südlichen Dahargebirges erreichen, allen voran natürlich das auch bei Touristen sehr beliebte Berberdorf Chenini. Dessen eigentliche Attraktion ist der 900 Jahre alte Ksar (Speicherburg), der sich bis zum Gipfel des Bergkegels emporzieht. Diese Schutzburg wurde nur als Lagerraum benutzt und diente in kriegerischen Zeiten als Fluchtburg. Die Wohnhöhlen befinden sich im unteren Teil des Berges, diesen Höhlen vorgelagert und als einziges von außen sichtbar sind zahlreiche Anbauten und Eingänge. Der malerische Anblick von Chenini hat dazu geführt, dass der Ort verschiedentlich als Filmkulisse herhalten musste (z.B. "Krieg der Sterne").

Bis Chenini führt von Tataouine eine gut befahrbare Asphaltstraße, die direkt hinter dem Parkplatz unterhalb des Ortes (hier auch die einzige Wasserstelle Cheninis) in eine holprige Piste übergeht. Folgt man dieser Richtung Douirat, kommt man nach ca. 6 KM an eine beschilderte Abzweigung. Rechts führt eine auch mit dem Fahrrad befahrbare Piste 61 KM nach Ksar Ghilane (gesprochen "Rilan" mit kehligem "r" wie das "ch" in "machen").

Während diese Strecke relativ viel befahren wird, vor allem von Jeeps voller Touristen aus Zarzis oder den Ferienorten Djerbas, die in Ksar Ghilane Wüstenromantik erleben wollen, sind die Straßen östlich der Hauptstraße Medenine-Tataouine-Remada sehr viel weniger touristisch erschlossen.

Wir folgen diesmal der Straße P19 ein kurzes Stück Richtung Remada, biegen noch in den Außenbezirken Tataouines links nach "Beni Barka/Maztouria/Ksar Ouled Soltane" ab. Die Strecke ist asphaltiert und gut befahrbar. Nach etwa 3 Kilometer zweigt rechts eine asphaltierte neue Straße ab, die sich einen Bergkegel emporwindet und zu dem neuen Dorf Beni Barka führt. Sie endet auf einem Parkplatz unterhalb des Gipfels. Von hier führt ein guter Weg nach oben zum gleichnamigen alten Ksar, dessen verfallene Zinnen bereits von der Hauptstraße zu sehen waren. Beim Emporsteigen umrundet man den ganzen Bergkegel und kann dabei bereits vor dem eigentlichen Ksareingang viele in den Berg gegrabene Felsenhöhlen bewundern. Der eigentliche Ksar, zum größten Teil schon in sich zusammengefallen, ist von einer Mauer umgeben, durch die ein Felsentor führt. Das Trümmerfeld, das einen hier empfängt ist schon beeindruckend. Zum Teil stehen noch einige der bis zu 3-stöckigen Fassaden mit ihren halbrunden Fenster- und Türöffnungen. Reste von Treppen sind zu erkennen, auch die Gassen, die ursprünglich durch diesen Ksar führten sind noch zu erkennen, jetzt im Frühjahr von gelbblühenden Kräutern überwachsen. Es ist herrlich ruhig hier oben, weit und breit keine Menschenseele. Noch werden hier keine Busladungen von Touristen hochgekarrt, und auch die Einheimischen lassen sich wohl selten hier oben sehen. Dabei hat man einen phantastischen Blick über das umliegende Bergland, dass sich in unendlich vielen Brauntönen zeigt, jetzt im Frühjahr hier und da durch zartes Grün unterbrochen, Hin und wieder auch durch das kräftige Dunkelgrün von einzelnen Olivenbäumen.

Folgt man der Hauptstraße weiter, kommt man immer wieder an Ghorfa-Anlagen und Speicherburgen vorbei. Das Leben scheint hier ruhiger und einfacher zu verlaufen als auf Djerba, in Medenine oder Tatouine, obwohl diese Orte kaum mehr als 15 oder 70 Kilometer entfernt liegen.

Nach ca. 14 KM kommen wir an eine Straßengabelung, rechts geht es weiter nach Remtha und auf die Piste nach Remada, links geht es bergauf zum Ort Ksar Ouled Soltane, einer der schönsten berberischen Speicherburgen der ganzen südöstlich von Tataouine gelegenen Region. Es geht jetzt steil bergauf, vorbei an einer kleinen Siedlung, deren Kinder uns bereits mit ihren "Stylo! Stylo!"-Rufen erwarten. Die Anstrengung macht es nicht leicht, sich auch noch der Kinder zu erwehren. Was nützt es auch, ihnen zu erklären, dass sie die hundertsten sind, die einen Kugelschreiber oder Geld wollen, dass man zur Erfüllung ihrer Wünsche statt Wasser, Kleidung und Zelt nur Kugelschreiber im Gepäck mitführen müsste.. Sie, die offenbar den ganzen Tag sich selbst überlassen sind, abgesehen von ihrer Schulzeit, würden einen kaum verstehen, schleppt man doch in seinen Packtaschen mehr Werte mit sich herum, als sie insgesamt zu Hause haben. Nach etlichen Schweißtropfen erreichen wir endlich den kleinen Ort auf dem Gipfel dieses Berges und werden für die Plackerei mit zwei kleinen Cafés, einem kleinen Laden und dem eigentlichen Ksar belohnt. Dieser besteht aus zwei hintereinanderliegenden fast kreisrunden Höfen, umgeben von bis zu 4-stöckigen Ghorfas. Der hintere, aus dem 19. Jahrhundert stammende Teil ist bereits restauriert, am vorderen aus dem 15. Jahrhundert wird zur Zeit noch gearbeitet. Während man außen von der gesamten Anlage nur eine glatte, mehrere Meter hohe Wand sieht, oben von einigen Rundungen bekrönt, kommt man sich innen vor, wie ins Mittelalter versetzt. Die dunklen Eingänge der Ghorfas wirken in den ockerfarbenen Lehmwänden wie Augen, Münder oder Nasenlöcher. Man meint, jeden Moment einen Berber in seiner leinenfarbenen Djellabah heraustreten zu sehen, vielleicht eine tönerne, mit Olivenöl gefüllte Amphore auf den Schultern tragend. Schmale, von uns nur mit Mühe besteigbare Treppen führen bis in die obersten Lagerräume, von denen immer noch einige von der Bevölkerung des Dorfes benutzt werden. Mit einigen frischen Tomaten und Orangen lassen wir uns im Schatten des Ksars nieder und bereiten ein herrliches Picnic. Ein freundlicher Einheimischer führt mich zur offenbar einzigen öffentlichen Wasserstelle, auf dem Gelände der Moschee, die direkt vor dem Eingang des Ksars steht. Heute ist Freitag, was im Islam unserem Sonntag entspricht. Das hindert zwar niemand daran zu arbeiten, aber der Gang in die Moschee ist heute wichtiger als sonst. Neu ist für uns dann nur, dass die Predigt über die am Turm der Moschee befindlichen Lautsprecher, über die sonst der Muezzin zum Gebet ruft, mit großer Lautstärke übertragen wird. Obwohl wir, außer "Allah-u-Akbar" kaum ein Wort verstehen, wirkt der Sing-Sang des Predigers beeindruckend.

Bei weitem nicht der ganze Ort versammelt sich in der Moschee. Eine Gruppe von Männern, die schon bei unserer Ankunft vor dem Eingang des Ksars im Schatten einer Hauswand dichtgedrängt am Boden hockte, lässt sich nicht von ihrem Spiel abhalten, einem Spiel, das weitläufig an Mühle oder Halma erinnert. Das Spielfeld ist mit den Fingern in den Sand gezeichnet und scheint aus mindestens 7 x 7 Feldern zu bestehen, die Spielsteine bestehen aus alten Kronkorken und rötlichen Ziegelresten in gleicher Größe. Zwischen den einzelnen Zügen werden heftige, teilweise scharfe Diskussionen geführt, manchmal werden Steine mit schnellen Handbewegungen Hin und her gesetzt, dann wieder abrupt zurückgenommen.

Nach fast zwei Stunden Rast fahren wir weiter, erst zurück zur Hauptstraße und dann Richtung Remtha. Auch hier gibt es eine Ghorfa-Anlage, die sogar noch in Gebrauch ist. Sie bildet einen ca. 50 mal 30 Meter großen Innenhof, umgeben von einstöckigen Gebäuden, in denen einige kleine Läden sind. Wir versuchen herauszubekommen, ob auf der immerhin 60 Km langen Strecke zwischen Remtha und Remada noch eine Siedlung wäre. So richtig befriedigend fällt die Antwort nicht aus. Da wir nicht einmal wissen, wie lang die Piste wirklich ist, ob sie überhaupt bis Remada von uns befahrbar ist, ob es den einzigen in der Karte verzeichneten Brunnen, Bir Fatnassia, überhaupt noch gibt, und wenn ja, ob er Wasser führt, beschließen wir, uns hier mit genügend Wasser für mindestens den ganzen nächsten Tag einzudecken. Ein Junge aus dem Dorf bietet sich an, mir dabei zu helfen. Wir gehen zusammen zur Straße, an der ich schon bei der Einfahrt in den Ort ein schwarzes Plastikrohr gesehen hatte, das aus der Erde kam und an einem Pfahl befestigt war. Der Junge geht vorher noch in ein Haus und holt seinen Vater. Dieser kommt, bewaffnet mit einer riesigen Rohrzange, und während mir dämmert, was er damit will, legt er schon in einem kleinen, gemauerten Schacht ein Absperrventil frei und öffnet es mit seinem Werkzeug, worauf ein Strahl klares, kühles Wasser aus dem Rohr schießt. Wir füllen einen 4-L-Wassersack und einen 5-L-Faltkanister. In dem kleinen Laden hatten wir vorher schon 4,5, L Mineralwasser gekauft. Zusammen mit unseren noch vorhandenen Vorräten verfügen wir jetzt über ca. 18 L Wasser, also 6 Liter für jeden von uns. Das müsste bei den zur Zeit noch erträglichen Tagestemperaturen bis zum nächsten Abend reichen.

33 Kilometer nach Tataouine, den Abstecher nach Ksar Ouled Soltane nicht mitgerechnet, endet der Asphalt. Ab jetzt müssen wir Piste fahren, immer Richtung Süden, rechts in der Ferne von Ausläufern des Dahargebirges, links von der weiten, bis Libyen reichenden Djeffara-Ebene begleitet. Dass diese Route wirklich nach Remada führt können wir nur hoffen.

Am Anfang sehen wir in der Ferne noch einzelne Häuser, in der hier typischen Form mit einem Tonnengewölbe über rechteckigem Grundriß, wobei das Gewölbe etwas schmaler als der Unterbau ist, wodurch das Gebäude wirkt als hätte es Schultern. Auch einige dunkle Zelt kann man in der Weite der Djeffara-Ebene sehen, Nomaden mit ihren Schafherden benutzen sie während der Monate ihrer Wanderschaft im Süden. Doch bald verschwinden auch diese kärglichen Zeugen einer vorhandenen Besiedlung und Bewirtschaftung dieser steppenartigen Landschaft. Was bleibt ist die Piste, die zum Teil mit dem Rad gut befahrbar ist, nach Süden hin aber zunehmend sandiger wird. Hier und da gibt es Abzweigungen, ohne dass uns dadurch Probleme mit der Fahrtrichtung entstehen, noch kann man deutlich Haupt- und Nebenpisten unterscheiden. Obwohl wir ständig leichten Rückenwind haben kommt uns einmal eine Windhose entgegen, die einen regelrechten Sandwirbel aus dem Boden emporreißt und an uns vorbeitreibt. Eine eigenartige Erscheinung. Heute Nachmittag haben wir auch zum erstenmal für unsere Empfindung richtige Hitze.

Wir durchfahren ein breites Wadi, das voller Sand ist, und uns deutlich macht, dass wir uns den nördlichsten Ausläufern des großen Erg nähern. Manchmal tauchen in dieser eher steinigen Steppe auch schon richtige Sanddünenfelder auf. Ein einziges Fahrzeug treffen wir an diesem Nachmittag, obwohl die Piste so wirkt, als würde sie regelmäßig befahren. Es ist ein Militärlaster, der auch prompt hält. Ein Soldat im Jogginganzug steigt aus, begrüßt uns und fragt uns wo wir hin wollen. Als wir ihm erklären, wir seien auf dem Weg nach Remada, erklärt er uns, das dies der falsche Weg sei. Wir müssten zurück und auf die Hauptstraße P 19. Erst als wir ihm versichern, dass wir ganz bewusst diese Alternative gewählt hätten lenkt er ein, erklärt uns aber, dass diese Route außerordentlich gefährlich sei, da die Piste im weiteren Verlauf nicht ausreichend zu erkennen sei, sich häufig verzweige und es überhaupt unwahrscheinlich wäre, dass wir den richtigen Weg finden würden. Besonders aufbauend wirkt diese Aussage nicht gerade, andererseits hatte ich in zahlreichen Touren im Bereich der tunesischen und algerischen Sahara den Wert solcher Aussagen abschätzen gelernt. Einheimische sind schlicht nicht in der Lage, das Fortbewegungsmittel Fahrrad einigermaßen richtig einzuschätzen. Es hat Fälle gegeben, wo uns auf die Frage nach der Entfernung zu einem bestimmten Ort völlig unterschiedliche Aussagen gemacht wurden, erst später haben wir bemerkt, dass dies mit der Fortbewegungsart der Leute selbst zu tun hat. Für einen langsamen Fußgänger, vielleicht ein Hirten mit seiner Herde, sind 20 Kilometer ein ganzer Tag, für einen Mofafahrer, der obendrein mit den örtlichen Verhältnissen gut vertraut ist, kann die gleiche Strecke gleichbedeutend mit zwei Stunden sein. Wir lassen uns also von der Aussage des Soldaten nicht erschrecken und setzen unseren Weg fort.

Die Gegend wird immer flacher, die Berge rechter Hand scheinen weit weg zu sein. An einem Brunnen halten wir an. Sein gemauerter, etwa einen halben Meter über den sandigen Boden reichender Rand, führt tief hinab in eine unergründliche Dunkelheit. Ein Wasserspiegel ist nicht zu sehen, aber Steinchen, die wir hineinwerfen, treffen hörbar auf eine Wasserfläche. Ich schätze die Entfernung bis zum Wasser auf etwa 35 Meter ein. Unser mitgeführtes Band würde im Zweifelsfall genügen, um mit dem Wasserkessel Wasser nach oben schöpfen zu können. Bei der Vorstellung, dass dieser Brunnen von Menschenhand gegraben und ausgemauert worden sein muss, wird einem schon etwas mulmig. Ein Sandhügel unmittelbar neben dem Brunnen deutet darauf hin, dass er auch heute noch von Menschen in Funktion gehalten wird.

Wir überlegen, wo wir für die Nacht unser Zelt aufschlagen können. Die Vorstellung, auf einer unendlich weiten Ebene campieren zu müssen, wo man uns und unser Zelt, ohne jede Deckung durch Hügel oder Buschwerk, kilometerweit sehen kann, erweckt nicht gerade unsere Begeisterung. Die erste Nacht im Süden wollen wir möglichst unbeschwert verbringen, ohne ständig befürchten zu müssen, dass Neugierige uns oder unser Feuer sehen.

Es wird schon etwas dämmrig, als die Landschaft wieder etwas an Format gewinnt. Es geht leicht auf und ab. Dann stärker, und auf einmal sind einige Häuser da, Menschen sind in der Ferne vor diesen Häusern zu erkennen, ein Esel schreit jämmerlich, und überraschend tauchen auch noch zwei kläffende Hunde auf. Die beiden Jungs, die schon eine Zeit voraus fahren, haben gehörigen Respekt und bleiben wartend stehen. Als Schimpfen und Gestikulieren nützt nichts, die Hunde zeigen keinerlei Anstalten, sich zu verdrücken. Selbst meine Trillerpfeife verschafft uns nicht den nötigen Respekt. Also sammeln wir Steine auf, um etwas gegen Angriffe gewappnet zu sein, und schleichen uns beklommen an den Kötern vorbei. Da taucht plötzlich ein Trecker in der Ferne auf und kurz darauf einige Häuser, nachdem wir schon von Weitem eine Baumgruppe sehen konnten. Das Ganze entpuppt sich als eine mittelgroße Ghorfa-Anlage, die offensichtlich von einigen Menschen bewohnt wird, die hier etwas kärgliche Landwirtschaft betreiben. Da es schon dämmert und wir nach einem möglichst ungestörten, einsamen Plätzchen für unser Nachtlager Ausschau halten, kommt uns diese Überraschung zu diesem Zeitpunkt etwas ungelegen. Also müssen wir weiter, vorbei an einem kleinen Wasserturm, von dem eine Leitung in einen steinernen Trog mündet, der wohl zum Wäsche waschen oder als Tiertränke benutzt wird. Wir fahren noch zwei Kilometer weiter und verlassen dann die Piste um etwas abseits der Straße zwischen einigen niedrigen Büschen und vereinzelten Sandflächen unser Lager aufzuschlagen.

Hier spielt sich sehr schnell eine die ganze Tour über anhaltende Ordnung ein. Arne und Terje bauen das Zelt auf, ich koche auf einem Spirituskocher, Terje geht anschließend Holz fürs Lagerfeuer sammeln, Arne hilft ihm dabei etwas und versorgt sich ansonsten selbst. Heute gibt es "Hüttensnack", Fertigfutter aus der Vakuumpackung. Es schmeckt gut, wobei wir bei der einsetzenden Dunkelheit nur schwach erkennen, was wir überhaupt auf unseren Tellern haben. Dann machen die beiden Jungs das Lagerfeuer an und ich lerne von ihnen etwas kennen, was ich bis dahin nicht kannte, mir aber von Anfang an mundete - Cola mit Korn. Die Cola hatten sie in Remtha gekauft, mich aber im Unklaren darüber gelassen, wozu. Ich muss sagen, nach den Anstrengungen des Tages, nach einem kräftigen Essen vorzüglich.

Mittlerweile ist die Nacht heraufgezogen. Wirkliche Nacht, ohne irgendeinen Lichtschein am Horizont über Ortschaften, Autobahnen, Stadien. Wir liegen auf unseren Isomatten, nippen an Cola-Korn, betrachten den Sternenhimmel. Und je länger wir nach oben schauen, an diesem lauen Abend Ende März in Südtunesien, um so mehr Sterne können wir sehen - den großen und den kleinen Wagen, den Salmi, ein Sternbild dessen Namen wir nicht kennen und dann natürlich Hale-Bopp, den Kometen, der in diesem Frühjahr in aller Munde ist. Ganz deutlich ist er jeden Abend wieder da, mit seinem Schweif, der so klein wirkt, aber angeblich 50 Millionen Kilometer lang sein soll. Nächte wie diese sind es wert, Strapazen einer solchen Fahrradtour auf sich zu nehmen. In solchen Stunden kann sich das Gefühl entwickeln, eins mit dem Universum zu sein. Hier werden die Nöte des Alltags winzig klein, die Frage nach dem woher und wohin drängt sich unter diesem Himmelszelt geradezu auf. Terje berichtet von seinen Theorien über das Universum, ist erstaunt, dass auch ich eine eigene Theorie habe. In dieser Theorie sind wir kleinste, molekulare Bausteine, die Erde eine Art Blutkörperchen im Lebensstrom eines größeren Ganzen, das durch die Milchstraße oder besser noch durch eine Unzahl von Galaxien gebildet wird. So wie wir mit unserem eigenen Körper umgehen, Zähneputzen, Alkohol trinken, Haare kämmen, Mitesser ausdrücken, so gehen unvorstellbare andere Wesen mit sich um, von denen wir wiederum ein winziger Teil sind. So wie die Wissenschaft immer kleinere Bausteine der Welt findet, Atome, Elektronen, Isotope, Quarks könnten auch größere Bausteine existieren. Das Weltall wäre danach nichts anderes, als Leerraum in einem großen Körper. Und dann gäbe es ja nicht nur einen solchen Körper sondern wieder unendlich viele - wie Menschen, die in organisierten Gebilden wohnen, die sich wiederum zu größeren Einheiten organisieren. Und alles was diese Supergebilde tun, hat wiederum unendlichen Einfluss auf das, was wir tun, und dieses wiederum auf das was die Mikroorganismen in unserem Körper machen. So wäre dann auch die Aidszelle aus dieser Sicht nichts anderes als ein Lebewesen mit bestimmten Strategien zum Überleben.

Später am Abend sehen wir Lichter in der Ferne, ein Auto quält sich bei fast völliger Dunkelheit im Schrittempo auf der Straße entlang, der Mond, der in diesen Breiten nachts für etwas Licht sorgt, geht erst gegen Morgen auf. Die ganze Nacht über hört man in der Ferne Hundegebell, wahrscheinlich kommt es von die Siedlung, die wir am Abend nur einige Kilometer hinter uns gelassen haben.

Während der Nacht verflüchtigt sich langsam die Wärme und am anderen morgen ist es regelrecht kalt. Während ich schon um 6.30 Uhr durch die Sanddünen wandere, ein nahe gelegenes Wadi durchstreife, dabei Ausschau nach Tieren, Insekten, Versteinerungen halte, schlafen die Jungen noch. Das wird sich auch während unserer gesamten Tour nicht ändern. Die frühen Morgenstunden gehören mir allein. Ich durchstreife die Umgebung unserer Nachtlager, erklimme Anhebungen, um den weiten Blick auf die erwachende Morgenlandschaften zu genießen.


Nach dem Frühstück packen wir, was fast eine Stunde dauert, und fahren dann noch einmal zurück zu dem Brunnen, den wir am Abend vorher passiert hatten. Nach einigem Suchen stellen wir fest, dass die zwei Wasserhähne, die durch eine unterirdische Leitung mit dem Wasserturm verbunden sind, und in ein steinernes Becken münden, über ein Absperrventil, das sich in einem kleinen Schacht befindet, geöffnet werden können. Mit einer Kombizange aus unserem Werkzeugbestand gelingt es uns, dieses Ventil zu öffnen. Wir können uns etwas erfrischen und unsere Wasservorräte auffüllen. Diesmal setzen wir dem Wasser Micropurtabletten zu - eine reine Vorsichtsmaßnahme, um nicht schon zu Beginn der Reise, das Risiko einer Magen-Darm-Erkrankung, ausgelöst durch verunreinigtes Wasser einzugehen. Zwei Hirten, die sich der Wasserstelle nähern, erzählen uns, dass dieser Ort Morra heißt, Bir Morra, der Brunnen und die in der Ferne zu erkennende Ghorfa-Anlage, an der wir am Abend vorher vorbeigefahren sind. Weder Brunnen noch Ort sind in unseren Karten verzeichnet. Dagegen ist ein Bir Fatnassia eingezeichnet, den wir aber im weiteren Verlauf der Route nicht finden.

Nach meinen Schätzungen dürfte die Pistenstrecke Tataouine-Remada etwa 90 KM lang sein. Das würde bedeuten, dass nur noch etwa 30 KM vor uns liegen, was mit unseren aufgefüllten Wasservorräten kein Problem sein dürfte. Schwerer wiegt da schon, dass Arne auf meine Empfehlung hin versucht hat, das Schleifen einer der beiden Packtaschen am Lowrider durch Auseinanderbiegen des Gestänges beheben wollte und dieses dabei abgebrochen ist. Wir beheben den Schaden mit zwei Unterlegscheiben, zwischen die wir die abgebrochenen Enden des Alugestänges einklemmen. Wir sind nicht sicher, ob diese Notoperation lange hält.

Circa 5 Kilometer vor Remada kommen wir erst durch ein kleines Dünengebiet, in dem sogar einige Dattelpalmen stehen und das aussieht, wie richtige Sandwüste. Dann erreichen wir ein grün bewachsenes Wadi, an dessem tiefsten Punkt tatsächlich ein klarer Flußlauf entlangführt. Schon vorher deutete die Piste darauf hin, dass es hier vor nicht allzu langer Zeit kräftig geregnet haben musste.

Nachdem wir noch einmal eine Kette mit Tafelbergen durchquert haben, vorbei an einer kleinen Ansammlung von Häusern, die einen erbärmlichen, heruntergekommenen Eindruck machen und einen kräftigen Anstieg überwunden haben, sehen wir endlich Remada vor uns.

Bergab sind wir schnell am Ortseingang. Wir betreten den Ort offenbar von der Slumseite, Berge von Unrat und Müll begleiten uns, ganze Felder rostiger Konservendosen sind neben der Straße zu sehen. Remada wird in der Reiseliteratur ausschließlich als Garnisonsstadt beschreiben. Aber im Gefolge des Militärs sind hier wohl auch viele Nomaden sesshaft geworden. Eine ganze Horde von Kindern empfängt uns in üblicher Weise - sicher ist von dieser Seite noch nie eine Gruppe von Touristen nach Remada reingefahren. Wir fahren in das Café, dass neben der Tankstelle an der Ortseinfahrt liegt, trinken Cola und Kaffee und beratschlagen die Fortsetzung der Tour. Dann fahren wir ins Zentrum, direkt unterhalb der Kaserne, wo sich eine Straße mit diversen Läden befindet. Hier decken wir uns noch einmal mit Mineralwasser und einigen anderen Dingen ein. Alles wirkt hier schmuck- und gesichtslos. Dies ist wahrlich kein Ort, der zu einem längeren Aufenthalt einlädt. Hinzu kommen die vielen Zeichen "Fotografieren verboten", die ein nicht gerade beruhigendes Gefühl verbreiten, Man kommt sich beobachtet und kontrolliert vor.

Wir fahren weiter, bemerken dabei zu spät die eigenartigen 17 aus Lehm gebauten Koubbas links der Straße am Ortsausgang Richtung Dehibat/Libysche Grenze. Da auch hier gleich nebenan ein Militär- oder Garde Nationale Posten ist, der uns etwas einschüchtert, fahren wir weiter, um so schnell wie möglich wieder in den Genuss der Einsamkeit der weiten Landschaft zu kommen.

Nach Dehibat führt eine 50 Kilometer lange Asphaltstraße, die sich in einem guten Zustand befindet, aber natürlich die Möglichkeiten, einen geeigneten Lagerplatz für die Nach zu finden, erschwert. Circa 20 Kilometer vor Dehibat verlassen wir die Straße, fahren durch ein Wadi, folgen diesem später ein Stück, bis wir das Gefühl haben, weit genug von der Straße entfernt zu sein. Jetzt erst merken wir, dass wir ein regelrechten Sturm haben. Da der Wind seit Remada von hinten kam, haben wir das gar nicht richtig wahrgenommen. Was für die Fahrerei gut war, erweist sich als außerordentlich hinderlich beim Zeltaufbau und vor allem beim Abbrennen des Lagerfeuers. Dabei hat Terje große Mengen von Holz zusammengeschleppt. Einen riesigen, vertrockneten Busch schleppt er sogar aus dem Wadi heran. Aber heute abend ist sowohl die Kocherei schwierig, als auch das entspannte Lagern an der Feuerstätte. Wir sind schon froh, dass bei der Windstärke sich das Zelt zwar völlig verbiegt aber stehenbleibt. Es fallen sogar einige Regentropfen, jedoch bleibt der große Regen, den wir schon einmal vor zwei Jahren in Tataouine hatten aus. Heute ist Ostern. Es hat die ganze Nacht gestürmt. Der Wind hat unser Zelt hin- und her geworfen, dabei ist es gegen morgen auch wieder tierisch kalt geworden. Arne friert in seinem alten dünnen Schlafsack, Terje leidet darunter, dass sein Schlafsack keine Kapuze besitzt.

Heute ist Ostern, der 30 März. Der Wind kommt aus Nordosten, wir fahren fast genau nach Osten. 9 KM vor Dehibat geht rechts eine Straße ab nach "Ksar Ouni". Dieser Ort ist als Ghorfa-Anlage in den Karten eingezeichnet, aber die Straßenführung scheint nicht zu stimmen. Möglicherweise kann man von hier aus die Piste nach Lorzot erreichen, unter Umgehung von Dehibat. An dieser Stelle werden wir auch zum erstenmal im militärischen Sperrgebiet kontrolliert. Die Polizisten der Garde Nationale sind sehr freundlich und korrekt, lassen sich unsere Pässe und die "permission" zeigen. Gegen 12 Uhr erreichen wir Dehibat, den Grenzort nach Libyen, allerdings ist die Grenze für uns Touristen nicht offen, zumal wir auch gar kein Visum haben. Aber gefragt werden wir schon, ob wir nach Libyen wollen. Denn schließlich endet hier die Asphaltstraße und nach Süden fahren höchstens Touristen in Jeeps oder auf Geländemotorrädern oder Arbeiter von den Ölfeldern und natürlich das Militär.. Wir kaufen Brot und Mineralwasser, Cola, etwas Butter und Schokolade. Telefonieren ist nicht möglich, da heute Sonntag ist und das einzige Taxiphone geschlossen hat.

Wir verlassen Dehibat Richtung Süden und befinden uns sehr schnell auf einer steinigen, aber noch einigermaßen befahrbaren Piste. Neben der Straße verläuft eine Leitung, die ich am Anfang für eine Ölleitung halte, die sich später aber als Wasserleitung entpuppt. Alle paar Kilometer läuft die Leitung durch gemauerte Schächte, die in der Regel mit Metallplatten verschlossen sind. Einmal, an einer Art Lastwagenparkplatz, erkennbar an großen Ölflecken im Sand, wird aus dem Schacht ein großes Plastikrohr herausgeführt. Dies ist eine Wasserentnahmestelle, deren Absperrventil sich aber nur mit einer großen Rohrzange öffnen lässt. Mit unserer Kombizange hätten wir bei der Größe des zu drehenden Vierkants sicher kein Glück, vielleicht mit einem 32er Gabelschlüssel, den wir aber natürlich auch nicht dabei haben.

Die Landschaft ist abwechslungsreich. Die Piste verläuft in einer Art Tal, rechts und links eingerahmt von Tafelbergen, die bis zu 300 Meter hoch sind. Sie sehen aus wie große, ockerfarbene Schutthalden, die in unterschiedlichen Höhen von waagerecht verlaufenden Schichten aus gröberen Felsgestein untergliedert sind. Diese Gesteinsschichten verlaufen absolut waagerecht und zeigen, dass diese Landschaft nicht durch Verwerfungen entstanden ist, sondern ursprünglich völlig flach war. Im Laufe von Jahrtausenden haben dann reißende Flüsse und Erosion tiefe Täler ausgegraben, in denen wir uns zur Zeit bewegen. Auch heute hält dieser Prozess noch an. Regenfälle können immer noch zu verheerenden Zerstörungen an Landschaft und von Menschen geschaffenen Bauwerken führen. Unterspülte, fortgerissene Straßen und Wadidurchfahrten sind im Süden Tunesiens nichts Außergewöhnliches. Und immer wieder kommen bei solchen, durch sintflutartige Regenfälle ausgelöste Naturkatastrophen, auch Menschen ums Leben. Nicht umsonst wird behauptet, dass in der Sahara mehr Menschen ertrinken als verdursten.

Erstaunlich ist, dass auch in dieser kargen, steinigen Gegend, die fast menschenleer wirkt, Spuren landwirtschaftlicher Existenz zu finden sind. Immer wieder tauchen kleine, von Steinwällen umgebene Flächen auf, die von Menschenhand geschaffen worden sind. Hier wachsen vereinzelt Dattelpalmen, deren Größe anzeigt, dass hier seit Jahrzehnten Menschen arbeiten. Manchmal kommen Feigenbäume oder ein Aprikosenbaum dazu, die eher neueren Datums sind.

Auf den ersten 15 Kilometern ist die Streckenführung noch völlig klar. Die Piste ist breit, gut befahrbar, folgt der Talsenke. Bei Kilometer 20 befindet sich der erste Polizeiposten. Die Mannschaft besteht aus einem halben Dutzend Leuten, die sich mehr oder weniger langweilen, mittels eines kleinen SW-Fernsehers den Afrikacup im Basketball der Frauen schauen, Tee trinken, oder auf alten Matratzen liegen und vor sich hin dösen. Trotzdem werden wir, bzw. unsere Pässe und die "permission" sorgfältig kontrolliert. Das alles zieht sich etwas in die Länge. Aus einem zweirädrigen Tankwagen füllt ein Beamter unsere Wasserflaschen auf. Als wir endlich weiter können ist es bereits später Nachmittag und Zeit, über einen Lagerplatz nachzudenken. Doch erst einmal wollen wir den Posten möglichst weit hinter uns lassen.

Nach nur 2 Kilometern teilt sich die Piste plötzlich. Geradeaus verläuft eine schmalere Fortsetzung, während eine breite, sehr gut ausgebaute Piste rechts den Berg hinaufführt. Wir beschließen der vermeintlichen Hauptpiste nach rechts zu folgen und quälen uns eine lange Steigung hoch. Die Kinder sind schon weit voraus, als sich mir von hinten ein japanischer Kleinbus nähert. Die werde ich fragen, ob dies der Weg nach Lorzot ist, denke ich und strecke meinen Arm aus, um das Fahrzeug anzuhalten. Das Fenster geht auf und ein Hüne von Mann ruft mir entgegen "What the hell are you doing here?" Verdutzt frage ich "Parlez vous franšais?" "No, I don't!" Dann stellt sich heraus, dass ich einen Ungar vor mir habe, der auf einem tunesischen Ölfeld arbeitet. Er lädt mich ein, die paar Kilometer bis zum Petrolcamp mitzukommen, um dort mit ihnen zu essen, und wenn es nicht schon so spät gewesen wäre, hätte ich sicher zugestimmt, so aber bitte ich ihn nur, meinen Söhnen weiter voraus Bescheid zu sagen, dass wir auf der falschen Piste wären und umdrehen müssten. Ich befürchte, dass sie stocksauer sind, weil wir uns verfahren und obendrein noch diesen Berg hochgequält haben. Aber sie nehmen es ganz locker, haben sogar noch zwei Flaschen Cola geschenkt bekommen. Immerhin wissen wir jetzt, wo wir lang müssen. Doch schon bald wird die Orientierung schwieriger. Das Tal verengt sich, die Piste wird immer sandiger, zerteilt sich immer wieder, und wir müssen uns auf unser Gefühl verlassen, wählen im Zweifelsfall immer Pisten, die in südliche Richtung laufen. Im Prinzip kann nicht viel passieren. Wir wissen, dass im Umkreis von 15 bis 20 Kilometern ein Polizeiposten und ein Petrolcamp liegen. Was kann mehr passieren, als das wir irgendwann umdrehen, wenn wir der Meinung sind, wir hätten uns völlig verfranzt. Andererseits ist es sehr schwer, den richtigen Zeitpunkt für einen solchen Entschluss zu fassen. Am ersten Polizeiposten hat man uns gesagt, dass es in 15 Kilometern einen zweiten gäbe. Den versuchen wir zu finden, zu passieren, um dann unser Lager aufzuschlagen.

Die Landschaft ist immer noch schön. Rechts und links begleiten uns weiter Bergkegel, Hochplateaus. Die Piste schlängelt sich durch die Talsohle, die sicher auch die Funktion eines Wadis erfüllt. Halfagras, niedrige Tamarisken, ab und zu auch blühende Kräuter säumen den Weg. Dies wäre ein idealer Platz, um sich hier einige Tage aufzuhalten. Aber wir wollen ja weiter.

Dann können wir auch schon den nächsten Polizeiposten ausmachen. Er liegt auf einer Anhebung, die Straße führt unterhalb vorbei und da uns niemand zu sehen scheint, fahren wir erst einmal ruhig weiter. Doch dann erscheint ein Polizist und bedeutet uns aus der Ferne, zu ihm hin zukommen. Also müssen wir doch den Hügel hoch. Zwei Beamte empfangen uns vor dem Tor der Polizeistation. Zum drittenmal werden unsere Papiere heute kontrolliert. Das ist zwar lästig, erzeugt aber andererseits auch ein Gefühl von Sicherheit, offensichtlich weiß man so, dass wir uns in diesem Gebiet aufhalten, und möglicherweise wird ja auch über Funk der nächste Posten verständigt, so dass wir eigentlich nicht verloren gehen können. Leider halten diese Kontrollen auch auf. Als wir weiter können ist es längst 17 Uhr durch, und es wird Zeit, an einen Lagerplatz zu denken, denn spätestens um 18.30 setzt die Dunkelheit ein.

Dummerweise führt die Piste kurz nach dem Posten auf ein kahles sehr flaches Plateau, das mit einem Teppich von Steinen übersät ist. Die Piste selbst ist ebenfalls mit diesen Steinen befestigt, für uns Radfahrer eine Tortur. Unsere Räder werden furchtbar durchgerüttelt. Hoffentlich geht jetzt nichts zu Bruch. Eine gebrochene Gabel dürfte in dieser Gegend nicht mehr ersetzbar sein, schlimmer wäre aber der damit verbundene Sturz. Als wir schon fast die Hoffnung aufgegeben haben, noch ein einigermaßen geschütztes Plätzchen zu finden wird die Landschaft rechter Hand wieder etwas hügliger. Am Fuße einer kleinen Anhebung räumen wir eine Fläche für unser Zelt von Steinen frei. Der starke Wind macht die Kocherei schwierig und lässt auch keine so gelöste Lagerfeuerromantik wie am ersten Abend aufkommen. In der Ferne kann man noch die letzte Polizeistation sehen, obwohl sie mindestens fünf Kilometer entfernt ist. Ob man unser Feuer von dort auch sehen kann?

Es ist saukalt. Wir haben alles angezogen, Hemd, Pullover, Jacke - mehr haben wir nicht - und frieren trotzdem. Der Wind zerrt am Zelt, treibt uns immer wieder den Rauch des Lagerfeuers ins Gesicht - ungemütlich! So gehen wir schon kurz nach 20.00 Uhr ins Zelt.

Im Laufe der Nacht wird es immer kälter, aber wenigstens legt sich der Sturm. Ich stehe wie gewohnt irgendwann zwischen 6 und 7 auf und durchstreife die Gegend. Einer der Hügel zeigt Spuren einer Schafherde, Nomaden müssen vor nicht allzu langer Zeit hier durchgekommen sein. Sie haben auch eine Steinmarkierung gesetzt, eine länglichen Stein aufgerichtet und mit mehreren kleineren Steinen abgestützt.

Von Horizont zu Horizont erstreckt sich eine nur leicht gewellte Hochebene, übersät mit Millionen Steinen, vereinzeltem niedrigen Buschwerk, vertrockneten Grasbüscheln. Darüber ein hellblauer Himmel mit wenigen weißen Wölkchen, die kühle Klarheit des frühen Morgens noch nicht von der Hitze des Tages gezeichnet, dazu eine wohltuende Stille - ein Paradies für stressgeschädigte Europäer.

Auch wenn Lärm und Hektik der Städte fern sind, wird es doch langsam Zeit, die Kinder zu wecken und ans Aufbrechen zu denken. Auch hier, fernab der Zivilisation müssen wir uns an Vorgaben halten, die von unserem gewohnten Leben bestimmt werden. So müssen wir heute im Laufe des Vormittags Lorzot erreichen, um uns mit Wasser zu versorgen. Dann müssen wir noch ein gutes Stück vorankommen, um am nächsten Tag erneut eine Wasserstelle zu erreichen.

Nach dem Frühstück, zu dem wir leider kein tunesisches Stangenweißbrot mehr haben, sondern auf unser mitgebrachtes, mittlerweile schon leicht trocknes und krümeliges deutsches Vollkornbrot aus der Großbäckerei zurückgreifen müssen, stellt Terje fest, dass die Aufhängenippel einer seiner Lowridertaschen ausgerissen sind. Das muss unbedingt repariert werden, denn vor uns liegt noch eine lange Holperstrecke, die an unsere Ausrüstung verschärfte Anforderungen stellt. Mit einer kleinen Maschinenschraube und einigen Unterlegscheiben können wir die Aufhängung so weit befestigen, dass sie bis zum Ende der Reise hält. An dieser Stelle sei auf ein Buch hingewiesen, das in der Zeitschrift aktiv Rad fahren 2/1997 empfohlen wurde: Christian Kuhtz, Einfälle statt Abfälle, Fahrrad-Heft 1/ISBN-Nr.: 3-924038-18-X.

Zurück auf der Piste, geht es eine ganze Zeit weiter, wie in den späten Nachmittagsstunden des Vortages. Allerdings wird die Piste noch steiniger, so dass wir immer wieder versuchen, auf parallel verlaufenden Altpisten unser Glück zu versuchen. Auf dieser flachen Hochebene müssen Autos und LKWs in den vergangenen Jahren immer wieder neue Bahnen gezogen haben, so dass auf einer Breite von mehreren hundert Metern Pisten in der gleichen Richtung verlaufen. Oder gabeln sie sich? Mit der Zeit werden wir unsicher. Vom Hügel hinter unserem Lagerplatz hatte ich gemeint, in der Ferne eine Baumgruppe, vermutlich Palmen oder Tamarisken gesehen zu haben und ich hatte vermutet, dass dies bereits Lorzot sein könnte - in 10 bis 15 Kilometer Entfernung, das hätte auch unserer Karte und den bisher auf dieser Piste zurückgelegten Kilometern entsprochen. Jetzt ist davon nichts mehr zu sehen. Links in der Ferne eine einsame Erhebung, ein Schuttkegel, das Gelände um vielleicht 50 Meter überragend. Natürlich könnte wir jetzt dorthin fahren, emporsteigen, um uns besser zu orientieren. Wir ziehen es aber vor, der vermeintlich richtigen Richtung zu folgen. Offensichtlich sind wir unmerklich in eine leichte Senke gefahren, die uns nun den Blick in die absolute Ferne versperrt. Das passiert uns noch öfter, dass wir, ohne es zu merken, stetig bergauf fahren, und dabei die erhöhte Kraftanstrengung auf Wind, Straßenzustand oder Hitze zurückführen.

Um uns herum verlaufen kreuz und quer Pisten. Über eine Stunde lang müssen wir immer wieder damit rechnen, uns verfahren zuhaben. Doch dann taucht die gesuchte Polizeistation plötzlich in der Ferne auf. Weiße Gebäude, umgeben von Bäumen. Und mit einem Mal wird auch die Landschaft wieder vielfältiger. Immer häufiger sehen wir kleinere Sanddünen, und am Horizont ahnt man bereits das Sandmeer des Grand Erg Oriental, bzw. dessen Ausläufer Erg Jenein, die Wüste von Borj Jenein.

Einmal taucht mitten auf der Piste eine Pflanze auf, eine Cistanche, das ist eine in anderen Regionen der Sahara verbreitete Orchideenart. Auch an der Straße über das Chott Djerid haben wir sie häufig gesehen. Sie ist etwa 15 Zentimeter groß und besteht aus vielen glockenähnlichen Blüten, die sich um einen mittigen, vollkommen verdeckten Stamm traubenförmig verteilen.

Um 11.45 Uhr sind wir am Posten der Garde Nationale. Das Gebäude liegt auf einer Anhöhe. In einiger Entfernung befindet sich eine Militärstation, deren Aufgabe aber eine andere ist. Wir schieben unsere Fahrräder durch die Lücke im Stacheldraht bewehrten Zaun, und halten vor dem Tor zum Innenhof dieses Postens. Ein Uniformierter kommt heraus und bittet nach der obligaten Begrüßung und Musterung unserer Fahrräder um unsere Papiere. Ein weiterer Beamter, der auch etwas Deutsch spricht, weil er einige Monate irgendwo in Deutschland gearbeitet hat, gesellt sich zu uns und hilft uns, unsere Wasserflaschen und Kanister aus einem großen, gemauerten Becken zu füllen. Es ist schon eigenartig, wie wir hier Literweise Wasser fassen, als wollten wir tagelang durch die Wüste marschieren. Für den Posten sind es bis zur nächsten Stadt mit dem Jeep sicher nur wenige Stunden. 80 Km bis Remada, 50 Km bis Dehibat, 28 Km bis Borj Jenein. Vielleicht haben sie ja eine Ahnung von der Entfernung, wenn sie diese schon einmal zu Fuß zurückgelegt haben, zumindest Teilstücke bei Patrouillengängen. Dass wir auf alle Eventualitäten vorbereitet sein möchten, können sie sich aber wohl kaum vorstellen, z.B. auf einen Rahmenbruch, der jedes Weiterkommen unmöglich machen würde. Gedanken dieser Art gehen einem schon mal durch den Kopf, wenn die Piste zur Tortour wird. Was wir tatsächlich in einem solchen Fall tun würden bleibt reine Spekulation. Wahrscheinlich am Pistenrand darauf warten, dass irgendwer mit einem Fahrzeug vorbeikommt und uns bis zur nächsten Siedlung mitnimmt.

Zum Abschied gibt es noch schwarzen, stark gesüßten Tee aus Gläsern. Mittlerweile haben wir drei auch beschlossen Borj Jenein nicht anzufahren, obwohl dies Fort in der Sandwüste nur ganze 28 Km von hier entfernt liegt. Ein Abstecher würde uns einen Tag kosten, und 30 Km mehr gegen den Wind, und möglicherweise wären wir auch noch gezwungen, den gleichen Weg von dort nach Lorzot zurückzufahren, denn noch kennen wir das Stück von hier nach Remada nicht. Im Nachhinein spricht einiges dafür, dass es richtig war, Jenein auszusparen. Zum einen hätte uns der starke Wind den Aufenthalt in den Sanddünen sicher vermiest, zum andern wussten wir von Bekannten, dass die Strecke Jenein - Bordj Bourgiba schwer zu finden ist, und diese Strecke hätten wir sicher genommen. Allerdings konnten wir im Verlauf der Piste P 19 nach Kambout feststellen, dass es offensichtlich mehrere Abzweigungen in westlicher Richtung gibt, die auch nach Bordj Jenein führen. Aber das können wir uns für eine der folgenden Fahrten aufheben und dann vielleicht gleich ganz gezielt von Kambout oder Lorzot Richtung Süden fahren, gleich noch weiter bis Bir Zar oder sogar nach Bordj El Kadra.

Jedenfalls verlassen wir jetzt den südlichsten Punkt unserer Reise, ab jetzt geht es wieder nach Norden Richtung Djerba, immer gegen den Wind. Spätestens seit Remada war mir dies klar, und es hatte mir schon davor gegraust. Natürlich hat man immer die Hoffnung, dass sich der Wind dreht, und Nord-Ost-Wind haben wir jetzt schon seit Tagen gehabt. Aber diesmal ist uns der Wind nicht wohlgesonnen, er bläst uns mit beträchtlicher Heftigkeit entgegen. Dass wir an diesem Endpunkt unserer Tour nahe an der eigentlichen Sandwüste sind, wird an den sandigen Passagen der Piste deutlich, die jetzt breit wie eine Autobahn ist, rechts und links von kleinen Steinwällen begrenzt, entstanden durch die hier sicher häufig verkehrenden Pistenraupen. Verirren kann man sich jetzt nicht mehr, aber an den zerfahrenen Spuren wird deutlich, dass diese Piste in erster Linie wirtschaftlichen und militärischen Zwecken dient. Einmal den Versorgungsfahrzeugen der Erdölfelder, zum anderen den Militärposten im Süden. Dazu kommen dann noch die Jeeps einiger Dutzend Touristen, die hier nach Saharaabenteuern suchen, vor allem, seitdem Algerien kaum mehr als Reiseziel in Frage kommt.

Wir kommen nur langsam voran, passieren mehrere beschilderte Abzweigungen, die uns den Eindruck vermitteln, dass es hier doch nicht so einsam ist, wie angenommen. Trotzdem, während des ganzen Tages begegnet uns ein einziges Fahrzeug, ein Tankwagen, der am Pistenrand steht und an dem die beiden Fahrer etwas reparieren. Sie erzählen uns, dass sie auf dem Weg nach Tiaret sind. Erst am Abend, als wir schon unser Zelt aufgeschlagen haben, kommt ein Militärlastwagen vorbei. Die Chancen, auf dieser Hauptpiste in den Süden im Falle eines nicht zu reparierenden Schadens an unseren Fahrrädern von einem Fahrzeug mitgenommen zu werden, sind demnach eher gering.

Gegen Abend finden wir 3 Km hinter dem Schild "Remada 58" ein schönes Wadi und zu allem Überfluss auch noch ein gemauertes Wasserbecken am Straßenrand, in dem wirklich Wasser ist. Da es nicht so aussieht, als würde es in der Nacht regnen, beschließen wir auf einer kleinen Sandstufe etwas oberhalb des Wadigrundes unser Zelt aufzuschlagen. Es ist immer noch furchtbar windig und fast unmöglich, trotz allerhand Vorkehrungen, mit dem Spirituskocher Nudeln zu kochen. Ich muss den Brenner dreimal nachfüllen, was den Spiritusvorrat erheblich schrumpfen lässt. Unter Isomatten, Handtüchern und Steinen ist der Kochtopf kaum noch zu sehen, geschweige denn zu handeln. Und trotzdem, der Wind dringt durch jeden Spalt und hindert die Flamme daran, den Topf richtig aufzuheizen. Während ich zu kochen versuche und Terje Holz sammelt, nutzt Arne das Wasserbecken, um sich zu waschen. Das Wadi wird auf der einen Seite von einem Felsvorsprung begrenzt, auf der flachen Seite steigt es nur etwas an. Hier wachsen hohe Gräser, kleine Büsche. Spuren deuten darauf hin, dass in den Felsen ein Fuchs haust.

Um 19 Uhr ist es stockdunkel und auch schon wieder empfindlich kalt. Trotz des starken Windes gelingt es Terje, ein schön brennendes Lagerfeuer zu machen, an dem wir es an diesem Abend noch lange aushalten. Mit der Gewissheit im Rücken, den größten Teil der schwierigen Pisten Südtunesiens bereits hinter uns zu haben, lässt es sich natürlich viel lockerer plaudern.

Wir sitzen noch lange auf einem großen Felsbrocken am Lagerfeuer. Um uns ist schwarze Nacht, aber über uns funkeln Millionen von Sternen. Es ist wieder empfindlich kalt, vor allem im Rücken, auf der vom Feuer abgewandten Seite. Die letzten Schokoladen- und Salamivorräte werden angebrochen und auch unsere nicht allzu großen Alkoholvorräte gehen langsam aber sicher zur Neige. Immerhin gibt es noch mal einen kleinen Schluck Cola-Korn für jeden. Gegen 21.00 Uhr verziehen wir uns in unser Zelt und versuchen zu schlafen.


Am nächsten Morgen beginnt wieder das alte Ritual. Um vernünftig packen zu können müssen erst einmal sämtliche Packtaschen geleert werden. Geschirr muss gesäubert werden, die Vorräte werden neu auf die Taschen verteilt, damit man bestimmt nichts wiederfindet, Kleinkram wird an neuen Stellen untergebracht, Trinkwasser auf andere Flaschen verteilt. Alles in allem eine chaotische Prozedur mit dem Ergebnis, dass im Laufe des Tages mit Sicherheit jede einzelne Tasche auf der Suche nach irgendwelchen Sachen mehrmals vergeblich geöffnet und wieder geschlossen wird.

Als wir endlich starten können ist wieder ein strahlend blauer Himmel über uns. Wir folgen der breiten Piste, vorbei an einer großen Schaf- und Ziegenherde, die von zwei Männern bewacht wird, von denen der jüngere im Gegensatz zu den bisher gesehenen Personen wirklich hübsch ist und obendrein strahlend weiße Zähne hat, was in dieser Gegend der Welt eher selten zu sein scheint. Der Hirte erklärt, dass ihre Herde über tausend Tiere zählt, von denen wir hier aber höchstens hundert bis zweihundert Stück zu Gesicht bekommen.

Während einer kurzen Mittagsrast am Straßenrand drehe ich mit dem Fuß eher beiläufig einen vor mir liegenden Stein aus dem niedrigen Begrenzungswall der Straße um. Völlig überraschend sitzt darunter ein kleiner Skorpion, vielleicht fünf Zentimeter lang, fast milchig transparent aussehend. Endlich, der erste SKORPION nach sechs Fahrradtouren in dieser Landschaft. Wir sind alle ganz aus dem Häuschen, Terje schwankt zwischen brennendem Interesse und Respekt. Aber natürlich muss er mit allen möglich Gerätschaften den Skorpion dazu bringen, sich zu bewegen, sein Hinterteil mit dem Stachel anzuheben. Irgendwie ist uns jetzt doch etwas mulmig zumute, ist das doch der Beweis, dass man in dieser Gegend durchaus mit einem Stich rechnen muss. In Zukunft werden wir wohl etwas aufmerksamer sein müssen.

Nach langer Zeit kommt uns mal wieder ein Lastwagen entgegen. Er donnert an uns vorbei, wobei er eine riesige Staubfahne hinter sich herzieht.

Die Landschaft wird immer steiniger. Das Fahren auf der Piste ist überaus beschwerlich, aber auch neben der Piste ist es mittlerweile nicht mehr sehr angenehm. An einer Abzweigung 45 KM vor Remada zeigt ein Schild in Richtung des 140 KM entfernten El Borma. Auf unseren Karten ist nicht genau zu erkennen, ob es sich hierbei um die Piste handelt, die an Borj Bourgiba vorbeiführt und nördlich zur Piplinepiste Richtung Ksar Ghilane führt. Es ist schade, dass es keinen genaueren Karten gibt.

In den letzten Stunden ist die Fahrerei beschwerlicher geworden. Arne, der immer stramm vorweg fährt ist schon lange nicht mehr zu sehen. Terje und ich bummeln etwas mehr. Plötzlich öffnet sich der Blick rechts in tief eingeschnittene Täler. Wir müssen stundenlang bergauf gefahren sein und uns mittlerweile auf einer Art Hochplateau befinden. Uns bietet sich ein atemberaubender Blick auf die Reste von Tafelbergen. Große Schuttkegel, die noch deutlich den schichtenförmigen Aufbau erkennen lassen. Die tiefen Täler sind Auswaschungen der letzten Eiszeit. Hier müssen ungeheure Wassermassen ihr Werk getan haben. Immer weiter steigt die Straße an, um dann endlich, nach mehrmals enttäuschter Hoffnung endlich rasant bergab zu führen, Richtung Kambout, dem Endpunkt des militärischen Sperrgebietes.

Der Posten befindet sich kurz vor dem kleinen Ort, dessen Zentrum nur aus einer Hauptstraße besteht, mit ein paar kleinen, aber ganz gut ausgestatteten Läden, einem kleinen Kaffee und natürlich der Moschee. Wir werden sofort von Einheimischen umringt. Man bemüht einige Brocken deutsch, ich versuche so gut es geht französisch zu reden. Einige wollen sofort unsere Adressen haben, erzählen von Aufenthalten in Deutschland oder Österreich. Einer war offensichtlich mal in Kassel, als ich ihn frage, in welcher Jahreszeit antwortet er "documenta". Diese Jahreszeit war uns bis dahin unbekannt. Wir hätten noch lange bleiben können, wären möglicherweise sogar zum Übernachten eingeladen worden, wollten aber lieber weiter. Also haben wir etwas eingekauft, mal wieder Brot und frische Eier. Bis zur Hauptstrecke nach Remada ist es dann doch noch ein gutes Stück und zu allem Überfluss bietet die Landschaft nur wenig Möglichkeiten, ein Nachtlager aufzuschlagen. Auf freiem Feld neben einer nun doch etwas befahrenen Asphaltstraße zu nächtigen und immer damit rechnen zu müssen, dass man gesehen und besucht oder gar überrascht wird ist doch kein so guter Gedanke. Also fahren wir weiter. Versuchen es hier und da, hinter einem künstlich aufgeworfenen Wall, auf einer Piste, die von der Hauptstraße abzweigt. So richtig gefällt uns aber nichts. Schließlich landen wir auf einem Gelände, welches wohl urbar gemacht wird. Hier befindet sich eine kleine Schilfhütte in deren Nähe wir unser Zelt aufschlagen. Der Ort erweist sich als Glücksfall, können wir doch die halbe Nacht im Schutze dieser Schilfhütte sitzen, ein kleines Feuer machen, und relativ sicher sein, nicht gesehen zu werden. Wahrscheinlich machen wir uns eh falsche Gedanken. Die Leute aus den Häusern, die wir in zwei drei Kilometer Entfernung gesehen haben, werden genauso von uns irritiert sein wie wir von ihnen.


Die Nacht verläuft absolut friedlich, die Angst davor, von lärmenden Landmaschinen am frühen morgen aus dem Schlaf gerissen zu werden war völlig unbegründet. Aber nur kurz nach unserem Start auf der Straße trifft uns ein ganz anderes Problem. Das Tretlager an Terjes KTM-Rad rutscht aus der Muffe. Wir versuchen einige Male die Schraubschale, anzuziehen. Aber hinter drei Kettenblättern und Kette ist kaum an dieses Teil heranzukommen und ohne spezielles Werkzeug, nur mit den Händen, ist dieses Unterfangen zum Scheitern verurteilt. Wegen der Gefahr, dass das an sich noch intakt wirkende Tretlager durch den lockeren Sitz beim Weiterfahren endgültig zerstört wird beschließen wir, dass Terje mit einem Lastwagen nach Tataouine vorfahren und dort auf uns warten soll. Bereits der erste Wagen, ein Peugeot Camionette hält an. Der Fahrer ist freundlich und hilfsbereit. Er hat zwar die Ladefläche voller leerer Getränkekästen, aber nach einigem hin- und herräumen gelingt es uns, Terjes Fahrrad noch oben auf den Kästen zu verstauen und festzuzurren. Ich erkläre dem Fahrer, der nur wenig Französisch kann, wo er Terje in Tataouine absetzen soll, gebe ihm 5 Dinar, nachdem er zehn abgelehnt hat und Terje noch den kleinen Langenscheidt Sprachführer Deutsch-Französisch. Dann fahren die beiden davon. Vor Arne und mir liegen noch etwa sechzig Kilometer.

53 KM vor Tataouine geht rechts eine Piste nach El Mourra ab. Das muss die Ghorfaanlage sein, in deren Nähe wir auf der Hinfahrt übernachtet haben. Allerdings lässt uns die Entfernungsangabe 12 KM zweifeln, ob es wirklich so ist. Einige Kilometer weiter geht links eine Straße nach Bir Amir ab, dass an der Pipelinepiste liegt und den nördlichen Eingang ins militärische Sperrgebiet darstellt, wenn man von Ksar Ghilane kommt. Bis Bir Amir sind es 13 KM.

Gegen 13 Uhr kommen wir nach Bir Thatline. Hier gibt es ein Café und zwei kleine Läden. Die Leute sind sehr viel gleichgültiger als in Kambout, beachten uns kaum. Wir trinken Tee und kämpfen dann weiter gegen den Wind nach Tataouine. In Ksar Ouled Debab passieren wir einen großen Ghorfakomplex. Die Gegend wird wieder interessanter. Um 14.45 kommen wir in Tataouine an. Terje liegt bereits auf Zimmer 13 des Hotels Belmaharem im Bett und schläft.

Endlich mal wieder duschen. Nicht luxuriös, aber immerhin fließendes Wasser. Anschließend kommt das gesamte Hotelpersonal in der Küche zusammen, wo unsere Fahrräder stehen und berät mit uns, was zu machen ist. Fast direkt gegenüber gibt es eine Mofawerkstatt. Der Chef persönlich kümmert sich um das defekte Tretlager. Es gelingt ihm tatsächlich, das Lager wieder festzuziehen. Zwar erscheinen uns 5 TD dafür recht happig - aber wenn es hält, dann war es das sicher wert. Abe4nds essen wir wieder im El Medina.

Am nächsten Tag, Donnerstag, den 3. April, fahren wir ins Daharbergland. Erst ein Stück nach Süden - Richtung Chenini, vorbei am Hotel Sangho - eine etwas vornehm wirkende große Anlage, an einem Berghang gelegen. Viel los scheint dort um diese Jahreszeit noch nicht zu sein. Wir folgen der Strasse nach Goumrassen/Gourmessa - auf arabisch steht am Anfang ein , dadurch wird deutlich, dass diese Orte wie auch Ksar Ghilane nich "G" ausgesprochen werden, sondern mit einem kehligen "R" "rain" beginnen.

Über Ksar Ferch kommen wir zu einer großen Ghorfaanlage aus dem Jahr 1911, die man auch offiziell besichtigen kann. Es gibt hier sogar ein kleines Café. Wir werden stilvoll und teuer mit Getränken versorgt. Die Anlage ist riesig, auch einige weitere Besucher sind hier. Unter anderem besichtigen wir auch eine Ölmühle.

Dann geht es weiter nach Ksar Haddada. Dort gibt es einen Ghorfakomplex der schon seit Jahren als Hotel dient und häufig von Touristen von Djerba angefahren wird. Eigentlich kann man dieses Hotel, in dem ich schon 1988 einmal übernachtet habe, niemandem mehr empfehlen. Die sanitären Anlagen sind ziemlicher Bruch, auf den Zimmern jede Menge Mücken, und nachmittags Busladungen voll Touristen, die nur zur Besichtigung kommen, oder auch zum Essen. Dazu mit 11,5 TD pro Person (Halbpension) ziemlich teuer.

Am nächsten Tag setzen wir unsere kleine Berglandrundfahrt fort. Über Beni Khedache, Ksar Kerachfa und Bir Lahmer fahren wir endlich mal mit Rückenwind und auf guten Straßen nach Medenine, wo wir bereits um 13 Uhr ankommen. Wir radeln nach kurzer Pause gleich weiter Richtung Ben Guerdane und nehmen nach 14 KM bei Ghardoulia die Abzweigung links auf die 118 nach Zarzis.

Dieses nun folgende Teilstück von ca. 40 KM ist die Hölle. Verkehr wie auf einer Autobahn, Unmengen von LKWs, die uns regelmäßig auf den Randstreifen drücken und uns mit ihren Abgasen verpesten. Diese Strecke ist absolut nicht empfehlenswert - geradezu tödlich. In Zukunft werden wir von Medenine nach Jorf (Hafen nach Djerba) eine Louage nehmen oder ein Taxi.

In Zarzis werden offensichtlich um 20 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt - hier ist abends nichts los, dabei hatten wir als wir ankamen noch Mengen betrunkener Moslems auf der Straße gesehen. Wir übernachten im Hotel Afif - billig, aber eine Bruchbude.


Am nächsten Tag geht es endlose an Hotelanlagen vorbei nach El Kantara. Hier beginnt der alte Römerdamm nach Djerba. In der Mitte des Dammes gibt es einen überbrückten Durchstich. Hier finden Arne und Terje alte Angelhaken und beginnen sofort, den vielen in Ufernähe sichtbaren Fischen nachzustellen. Allerdings ohne Erfolg. Wir fahren weiter und suchen in der ersten Hotelzone nach einer möglichst billigen Übernachtungsmöglichkeit. Das Hotel Sidi Slim, zu dem auch der einzige Campingplatz an der Nordküste Djerbas gehört und in dem man auch kleine 2-Personen-Hütten mieten kann, wird für die nächsten Tage bis zu unserem Abflug unser Domizil.

Wir besuchen Midoun, eine netten Marktflecken im Inland der Insel, fahren dann noch für eine Nacht nach Houmt Souk in die dortige sehr empfehlenswerte Jugendherberge, die in einer alten Karawanserei untergebracht ist, ehe wir dann am 9. April von Melitta den Rückflug antreten.


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